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Was ist und was soll gendersensible Beschlagwortung?

23. März 2012 ·

RB 57, März 2012
Karin Aleksander

Wer diese Frage beantworten kann, braucht diesen Artikel nicht zu lesen. Wer Fragen zu dieser Frage hat, sollte unvoreingenommen und offen ans Lesen gehen und wird am Ende – hoffentlich – überrascht sein.

Der Begriff Gender wird den meisten heutzutage geläufig sein, was jedoch nicht bedeutet, dass alle ihn richtig verstehen oder interpretieren können. Gender ist kein moderner Begriff für Frauen und bedeutet auch nicht einfach Männer und Frauen. Der Begriff kennzeichnet den sozialen Aspekt am Geschlecht eines Menschen, wohingegen der biologische Aspekt mit dem Begriff Sex bezeichnet wird. Gender ist also eine Struktur- und Analysekategorie, die bedeutet, dass Menschen als biologische Wesen in sozia­len Beziehungen zusammenleben und diese Verhältnisse mit ihren (hierarchischen) Machtstrukturen und (stereotypen) Verhaltensweisen selbst schaffen, reproduzieren und verändern. Wie diese Prozesse ablaufen, wie sich soziale Komponenten selbst in das biologische Geschlecht einschreiben und wie sich tradierte Geschlechterrollen überwinden lassen, wird von der Geschlechterforschung intensiv untersucht. Wichtig dabei ist, dass ein einzelner Mensch nie nur allein als Mann oder Frau analysiert wird, sondern im Zusammenspiel mehrerer interdependenter Faktoren: Er bzw. sie sind zugleich in einem bestimmten Alter, von bestimmter ethnischer Herkunft, einer bestimmten Klasse oder Schicht zugehörig und leben in einem bestimmten körperlichen Zustand mit einer bestimmten sexuellen Orientierung (desire).

„Betrachtet man die unterschiedlichen Kategorien sex, gender und desire als frei miteinander kombinierbar, so ergeben sich schon bei der einfachsten Annahme von nur zwei Möglichkeiten je Kategorie, z.B. den traditionellen Zuordnungen ‚männlich’ und ‚weiblich’ (sowohl auf der Ebene von sex als auch von gender), bzw. männer- oder frauenorientiert (auf der Ebene von desire) schon 2 hoch drei, also 2 mal 2 mal 2 und damit 8 Geschlechter.“[1]

Das Wichtigste, was eine geschlechtersensible Verschlagwortung m.E. leisten muss, ist also genau zu bezeichnen, welches Geschlecht oder welche Geschlechter einzeln oder im Vergleich in der Publika­tion behandelt werden. Das setzt einiges voraus:

Voraussetzungen

Erstens müssen entsprechende Titel überhaupt angekauft worden sein, was heute nach den Erfolgen der Frauenbewegung in vielen Bibliotheken getan wird, wenn auch oft noch nicht vollständig und ausreichend genug.

Zweitens müssen die entsprechenden Schlagworte in der verwendeten Schlagwortnormdatei (SWD) vorhanden sein. In der SWD-online kommt der Begriff Gender nicht vor! Und Geschlecht wird be­nutzt für Sexus. Wie soll also z.B. das hierarchische Verhältnis zwischen Männern und Frauen be­zeichnet werden? Auch der Begriff Geschlechterverhältnis fehlt! Auch bei Geschlechterkonstruktion kein Treffer! D.h.: Moderne wissenschaftliche Begriffe der Geschlechterforschung fehlen in der SWD! Sie werden aber trotzdem als Schlagworte in Bibliothekskatalogen benutzt! Moderne wissenschaftliche Publikationen der Geschlechterforschung fehlen auch immer noch in der Liste der fachlichen Nach­schlagewerke, die als dafür benutzte Quellen verzeichnet sind.

Drittens fehlen nicht nur wichtige Schlagworte, sondern viele sind ungleichwertig, männerdominiert und damit den spezifischen Erfordernissen bei der Beschlagwortung gar nicht angepasst. Vergleichen Sie einmal die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit in der SWD:

Beim Begriff Männlichkeit wird verwiesen auf:
BF |s|Das @Männliche VB |s|Mann VB |s|Männerbild VB |s|Männerforschung

Der Begriff Weiblichkeit wird reduziert auf:
BF |s|Das @Weibliche VB |s|Frau.

Ebenso ungleich und undifferenziert sind die Verweise bei den Schlagwörtern MANN und FRAU. Dabei fällt auf, dass außer Lebemann und Macho keine weiteren Begriffe mit negativer oder beson­derer Konnotation beim Schlagwort Mann angeboten werden. Bei Frau gibt es hingegen zahlreiche besondere Unterbegriffe mit Bezug auf Behinderung (Blinde Frau, Taubstumme Frau), Opfer (Miss­handelte Frau) und Anklage (Sünderin, Weibliche Radikale) sowie für „typische“ Tätigkeiten (Haus­frau, Landfrau, First Lady) und die Weibliche Tote, die auf dieser Ebene beim Mann fehlen. In der SWD gibt es durchaus die Begriffe Hausmann, Sünder, Radikaler, Toter (jedoch nicht Nebenmann, Misshandelter Mann oder First Gentleman/First Spouse).

Oder schauen Sie in einen alten Schlagwortzettelkatalog. Unter dem Schlagwort FRAU werden Sie – wie seit Beginn der feministischen Kritik an den traditionellen Bibliothekspraxen – finden, dass es bis zu mehreren Katalogladen voller Literaturangaben gibt, zum Schlagwort MANN dagegen höchstens eine Handbreit. Auch das beweist, dass der Mann in Bibliothekskatalogen das Allgemeine ist und die Frau das Abgeleitete. Andere Geschlechter kommen dann in dieser Lesart auch nur unter abweichen­dem Sexualverhalten und Krankheit vor! Warum ist das so?

Frauen sind mitgemeint

Frauen sind in den Normdateien – wie in der Sprache – meist „mitgemeint“ oder das Abgeleitete. Hier offenbart sich die besondere Rolle der Bibliothek im Verhältnis zur Wissenschaft. Wissenschaftliche Bibliotheken haben generell die Aufgabe, das publizierte Wissen der Menschheit zu sammeln. Es fragt sich, warum das Wissen von Frauen (immerhin ca. 51% der Weltbevölkerung) so lange und so beharr­lich ausgeschlossen wurde und wird? Eine Antwort ist, dass Wissenschaft und Bibliotheken selbst Teil der gesellschaftlichen Strukturen sind, die Frauen lange Zeit überhaupt von wissenschaftlicher Produk­tion ausgeschlossen haben. Dabei befinden sich die Bibliotheken im Vergleich mit der Wissenschaft in einer besonderen „Nachtrabposition“, denn sie sammeln das, was von der Wissenschaft produziert wird und klassifizieren entsprechend der Produktion. Was von der Wissenschaft produziert wird, be­stimmt ein Wechselspiel gesellschaftlicher Faktoren, in dem Tradition und Macht eine herausragende Rolle spielen. In den Bibliotheken lassen sich solche Traditions- und Machtlinien aufspüren, besonders was die Nichtbeachtung von Frauen betrifft.

Die wichtigste Kritik der Frauen- und Geschlechterforschung an der traditionellen Wissenschaft trifft deren Anspruch, objektiv und allgemeingültig zu sein und dabei die Grundlagen und das Zustande­kommen dieser Erkenntnisse nicht zu hinterfragen. Die Frauenforschung stach 1990 mit ihrer Frage „Wie männlich ist die Wissenschaft?“ in ein Wespennest und musste sich vieler Angriffe erwehren. Inzwischen liegen aus den verschiedensten Disziplinen Ergebnisse vor, die den „männlichen Blick“ in den Wissenschaften analysierten und andere Sichtweisen vorschlagen (z.B. Geschichte, Sprach- und Literaturwissenschaft, Ethnologie, Philosophie, Physik, Informatik, Sportwissenschaft, Musikwissen­schaft, Biologie, Medizin u.a.).

Dabei geht es nicht darum, den traditionellen „männlichen Blick“ durch einen weiblichen zu ersetzen. Frauen haben diesen Blick nicht per se, nur weil sie Frauen sind. Der Soziologe Pierre Bourdieu schrieb dazu: Diesen blinden Fleck können sowohl Männer als auch Frauen haben. Ob sie ihn haben, ist abhängig von vielen Bedingungen wie z.B. Sozialisation, Bildung, Erfahrungswelt. Tradiertes Verhalten und stereotype Geschlechterbilder spielen eine große Rolle. Es geht darum, dass uns neu bewusst wird, wie wir denken und mit unserer Sprache umgehen. Dazu müssen alle neu lernen und nicht etwas als angeblich richtig Erlerntes für immer anwenden, weil es „immer so war“! Wie schwie­rig dieser Weg sein wird, beschreibt Bourdieu wie folgt:

„Die Macht des Präkonstruierten liegt darin, daß es zugleich in die Dinge und in die Köpfe ein­gegangen ist und sich deshalb mit einer Scheinevidenz präsentiert, die unbemerkt durchgeht, weil sie selbstverständlich ist. Der Bruch ist eigentlich eine Konversion des Blicks, und vom Unterricht in soziologischer Forschung kann man sagen, daß er zuallererst lehren muß, ‚mit anderen Augen zu sehen’… „[2]

Abschließend sollen zwei Beispiele verdeutlichen helfen, was gendersensible Beschlagwortung kon­kret bedeuten kann.

1.      Ursula Birsl (Hrsg.): Rechtsextremismus und Gender. Budrich 2012

Dieses Buch ist in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) mit den Schlagwörtern Rechtsradikalis­mus und Geschlechterforschung verschlagwortet, was viele Bibliotheken übernommen haben (zur Erinnerung: Rechtsextremismus und Gender sind keine Begriffe in der SWD online!).

Die Bayerische Staatsbibliothek ergänzt neben Formschlagwort und Geografika: Geschlechtsunter­schied; Politische Einstellung.

Die Staatsbibliothek Berlin fügt die Sachgebiete: 71.33 ; Frau <Soziologie> 89.21 ; Faschismus und 71.31 ; Geschlechter und ihr Verhalten an. Ähnlich sieht es in Schweizer Katalogen aus:

In NEBIS ist das Buch mit Rechtsradikalismus und Geschlechterforschung verschlagwortet. Bei der Sacherschliessung wird ergänzt um: Rechtsextreme Parteien + Rechtsextremismus (Politik): 329.18, Geschlechterbeziehungen + Geschlechterverhältnis (Geschlechterfragen): 396,1.009.

Beim IDS Basel/Bern findet man das Buch unter den Schlagworten Rechtsradikalismus und Weibliche Rechtsradikale; als Lokalschlagwort  wird auf Rechtsextremismus, Geschlechterkonstruktion, Politik und Rassismus verwiesen.

Auf den ersten Blick scheint das Buch gendersensibel verschlagwortet zu sein. Auf den zweiten Blick offenbart die Beschlagwortung einen Fehler: Es wird zwar auf Geschlechtsunterschied und Geschlech­terkonstruktion verwiesen, aber explizit wird nur auf die Weibliche Rechtsradikale hingewiesen. D.h. auch in diesem Falle ist die Frau wieder das Besondere. Soll das nun heißen, dass es in dem Sammel­band nur um weibliche Rechtsradikale geht oder allgemein um Männer im Rechtsextremismus und Frauen im Besonderen? Die in allen Katalogen beigefügten Inhaltsverzeichnisse werden leider nicht automatisch mit untersucht, wenn ich die Recherche auf „Rechtsextremismus und Männlichkeit?“ eingrenze. Einzig der GBV verweist auf dieses Sammelwerk, weil dort die Einzelartikel ebenfalls erfasst werden (wie auch in der Genderbibliothek)! Alle anderen Kataloge zeigen nur ein oder zwei Titel als Ergebnis. Und das ist das Fatale an dieser Beschlagwortung: Der richtige Hinweis auf Weib­liche Rechtsradikale verzerrt als alleiniges geschlechterrelevantes Schlagwort den Sachverhalt, dass in diesem Sammelband fast die Hälfte aller 16 Artikel Männlichkeitsfragen gewidmet ist. Und damit wird der aktuelle Forschungsstand zur Frage Rechtsextremismus und Männer nicht widergespiegelt, weil bei dieser Anfrage eben nur auf das Buch von Roland Claus u.a. (Hrsg.): „Was ein rechter Mann ist“ (Dietz 2010) verwiesen wird. Eine ausführliche Beschlagwortung, die auch die einzelnen Artikel dieses Sammelbandes miterschließen wollte, müsste enthalten: Linksextremismus; Antisemitismus; Weiblichkeitskonstruktion; Männlichkeitskonstruktion (beides ist viel konkreter als Geschlechterkon­struktion); Menschenfeindlichkeit (neuer Begriff in der Philosophie und Forschung); Täterin; gewalt­tätige Mädchen; Jungenclique; Männerbund; Studentenverbindung; Gewalt <rechtsextreme>; Mediendarstellung.

2.      Ulrike Auga u.a. (Hrsg.): Das Geschlecht der Wissenschaften : zur Geschichte von Akademi­kerinnen im 19. und 20. Jahrhundert. Campus 2010

Richtig beschreibt die DNB den Inhalt des Buches mit den Schlagwörtern: Frauenstudium / Akademi­kerin / Geschlechterforschung / Geschichte 1890-2000 / Kongress / Berlin <2008>.

Bei den Sachgebieten fügt die Staatsbibliothek Berlin hinzu: 71.31 ; Geschlechter und ihr Verhalten; 81.80 ; Hochschulen ; Fachhochschulen; 81.22 ; Geschlechterunterschied im Bildungswesen; 02.01 ; Geschichte der Wissenschaft und Kultur

Der IDS Uni Zürich verschlagwortet das Sammelwerk ähnlich mit: Geschichte 1890-2000 ; Frauen­studium ; Akademikerin ; Geschlechterforschung.

Der Westschweizer Bibliotheksverbund verwendet die deutschen Schlagworte: Akademikerin Deutsch­land Geschichte 20. Jahrhundert ; Frauen, 1800-2000 ; Gender studies ; Wissenschaftsgeschichte, 1800-2000.

Wichtige Inhalte, die entsprechend der 15 Einzelartikel fehlen, sind: Antifeminismus ; Weiblichkeits­diskussion ; Kulturkritik ; Gleichstellungspolitik ; Jüdin ; Universität Berlin Geschichte ; Emigrantin ; International Federation of University Women (IFUW) ; Nationalökonomie ; American Studies ; Theo­logie ; Preussische Akademie der Wissenschaften Geschichte ; Fächerkultur ; USA.

Worauf es auch hier aber ankommt, ist, dass die geschlechtersensible Beschlagwortung nicht auf Frau­en in der Wissenschaft oder als Wissenschaftlerin in Institutionen beschränkt wird. In diesem histori­schen Zeitraum wird am Beispiel der Zulassung von Frauen für Studium und Wissenschaft die allge­meine Debatte Wissen und Macht behandelt. Insbesondere wird versucht, den Androzentrismus in den einzelnen Wissenschaften und ihren Fächerkulturen aufzudecken. Diesen Aspekt erwähnt erneut die Staatsbibliothek Berlin bei den Sachgebieten (nicht als Schlagwort) und als einziger der Westschwei­zer Verbund mit dem Schlagwort Wissenschaftsgeschichte. Das bedeutet, dass auch Suchanfragen zur Wissenschaftsgeschichte diesen Titel anzeigen, dessen Artikel alle aus der Genderperspektive verfasst sind. Alle Bibliotheken, die dieses allgemeine Schlagwort Wissenschaftsgeschichte vergessen haben, reduzieren das Buch erneut auf Gender Studies oder Geschlechterforschung.

Bei der geschlechtersensiblen Beschlagwortung kommt es also nicht darauf an, nach der „Ghettoisie­rung“ mit dem Zusatz „FRAU“ nun alle Gender-Literatur in die Schublade „GENDER“ abzuschieben. Es kommt darauf an, den Genderaspekt in Bibliotheken als das zu begreifen, was er ist: die fundamen­tale Erschütterung des Androzentrismus in den Normdateien.



[1] Penkwitt, Meike; Mangelsdorf, Marion (2003): Dimensionen von Gender Studies – Band II. In: Freiburger

FrauenStudien 13, S. 27-62, hier S. 36.

[2] Bourdieu, Pierre (1996): Reflexive Anthropologie. Frankfurt: Suhrkamp, S. 284f.

Wissenschaft und Forschung Erschliessung, Gender

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